ELVIRA VIGNA: NADA A DIZER (Brasil, Ed. Companhia das Letras, 2010, Â 168p.)
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Excerpt (trans. Magdalena Nowinska):
Der 16. NovemberÂ
Am 16. November machte Paulo die Augen auf und schaute zum Lichtspalt, der sich zwischen den beiden VorhĂ€ngen öffnete â dem Schwereren, aus grauem Plastik, und dem darĂŒber hĂ€ngenden Leichteren, aus weiĂem, durchsichtigen Stoff. Er blieb so einige Augenblicke lang liegen und setzte dann Vorbereitungen in Gang, die dazu fĂŒhren sollten, dass auch der Rest seines Körpers seinen Augen folgen und das dunkle und kleine Zimmer verlassen wĂŒrde, welches sich bereits mit GerĂ€uschen zu fĂŒllen begann: im Zimmer nebenan schaltete jemand gerade den Fernseher ein; im Korridor ratterte bedrohlich der Wagen des ZimmermĂ€dchens; vom Lift kam ein Pling. Paulo begann mit einer theoretischen Grunduntersuchung seines Magens und Mundes. Nein, kein Ăberbleibsel der Misere des gestrigen Abends, an dem er sich, nach einem Riesensandwich in der Eckkneipe nebenan, beinahe die Seele aus dem Leib gekotzt hĂ€tte. Als er dies zu sich selbst sagte, hĂ€tte es ihm eigentlich komisch aufstoĂen sollen: die Seele? Das wĂ€re doch nur allzu passend gewesen, haha, am Vorabend die Seele los zu werden. Doch derartige Reflexionen waren nicht eben Paulos StĂ€rke. Normalerweise. Und jene Stunde wĂ€re erst recht kein guter Zeitpunkt dafĂŒr gewesen. Nach dem Magen kam das Knie dran, das jedoch nicht nur theoretisch untersucht werden konnte. Paulo streckte das Bein aus, beugte und streckte es wieder. Nicht allzu schlimm. Der Schmerz im RĂŒcken hingegen, noch vom Bandscheibenvorfall her, war so wie immer beim Aufwachen: nĂ€mlich fĂŒhlbar. Im Laufe des Tages wĂŒrde er sich mit den Bewegungen des Körpers abschwĂ€chen. Mit einem jetzt schon einsetzendem GefĂŒhl der MĂŒdigkeit â die nicht zuletzt von der Tatsache stammte, dass er eben Knie, Magen und RĂŒcken besaĂ â blieb Paulo noch ein wenig liegen, betrachtete die Dunkelheit und hörte dem Ticken des groĂen, hĂ€sslichen Weckers am Nachttisch zu. Das Tick und das Tack, und das Tick und das Tack gaben in all ihrer Vorhersehbarkeit seiner Herzrhythmusstörung Zeit, sich zu stabilisieren. Diese war das einzige Symptom seiner Herzkrankheit, fĂŒr die er tĂ€glich tonnenweise Medizin schlucken musste.
Der Tag hatte begonnen.
Als er spĂ€ter die Copacabana entlang ging, waren sein Körper und seine mehr als sechzig Jahre vergessen. Unbekannte StĂ€dte allein und zu FuĂ zu erkunden bereitete ihm immer ein groĂes VergnĂŒgen. Ein noch gröĂeres VergnĂŒgen bereitete es ihm, mit dem Auto oder dem Bus StraĂen zu unbekannten Orten zu folgen. Dabei war Rio de Janeiro bis vor Kurzem noch kein unbekannter Ort gewesen. Es ist aber dazu geworden. Vor nicht mal einem Monat war er von hier mit seiner ganzen Familie weggezogen. Und auch wenn die Stadt sich nicht verĂ€ndert haben mochte, so war er bereits ein Anderer. Zwischen seinen FuĂsohlen und dem BĂŒrgersteig spĂŒrte er eine angenehme Distanz, wie einer, der nicht mehr dazu gehört.
Da er noch viel Zeit hatte, nĂ€herte er sich langsam der Wohnung eines seiner Kollegen von einem seiner unzĂ€hligen Jobs. Oder vielmehr: seiner Berufe. Nicht, dass er es so gewollt hĂ€tte. In keinem Moment seiner Kindheit hatte er zu sich selbst gesagt: Ich werde das sein, was sich gerade ergibt, werde das tun, war mir gerade in den Kopf kommt. Es hatte sich einfach so ergeben. Immer wieder hat das Leben ihn von einer Schiene auf die andere umgeleitet. Gerade jetzt fĂŒhrte ihn eine solche Schiene, die Avenida AtlĂąntica, zur Wohnung eines Mannes, der Pedro Correa hieĂ, besser bekannt als Pece; er versorgte sich bei ihm mit Marihuana. Es gab noch mehr Namen zwischen dem Pedro und dem Correa, und auch noch nach dem Correa. Doch das KĂŒrzel Pece hatte in den mit ergonomischen Möbeln gefĂŒllten und mit schweren Teppichen ausgelegten RĂ€umen der PR-Agentur, fĂŒr die er gearbeitet hatte, witziger geklungen. Also war es bei Pece geblieben. Pece war nun ein kleiner, dicker Mann, der in einer groĂen Wohnung mit Meeresblick wohnte, zusammen mit seiner Frau und gelegentlich auch mit einem seiner bereits erwachsenen und selbstĂ€ndigen Kinder, die aus welchen GrĂŒnden auch immer manchmal beim Vater ĂŒbernachteten. Pece verkörperte gewissermaĂen, wenn auch nicht ganz, Vorbilder der Jugend von Paulo, die allerdings viel faszinierender und romantischer gewesen waren, und auch den Marihuana fröhlicher und gemeinschaftlicher geteilt hatten. Und hĂ€tte Paulo eine Neigung zu Reflexionen gehabt, hĂ€tte sich auch hier die Möglichkeit dazu ergeben. Denn in der Person von Pece hatte sich die PC, die Kommunistische Partei Brasiliens, fĂŒr die sich Paulo in seiner Jugend mit Leib und Seele eingesetzt hatte, in einen reichen Rentner verwandelt, der Marihuana zwar weniger genoss als er behauptete; der Stoff bot ihm aber die einzige Möglichkeit, das GefĂŒhl der NĂ€he zu spĂŒren, wenn er sich nĂ€mlich mit dem einen oder anderen seiner Sprösslinge ins Wohnzimmer setzte und ihm einen Joint anbot.
Zwischen Paulo und seinem ehemaligen Arbeitskollegen gab es nie viel zu reden. Sie hatten zusammen gearbeitet â das ergibt nicht gerade viel GesprĂ€chsstoff, auĂer Hast du Diesen mal gesehen? Von Jenem gehört? Von wem? Von Jenem, aus dieser und jener Abteilung. Ah. Ich weiĂ nicht, ob du schon gehört hast, er hat nĂ€mlich. Man kann es wenden und drehen, sehr viel mehr kommt dabei nicht heraus. Und dann erhebt sich Pece endlich vom Sofa und verkĂŒndet das erwartete Ich hol’s dann mal. Bald darauf kommt er mit einem kleinen Paket und einer bereits gerollten Zigarette in der Hand zurĂŒck, an der beide ein wenig ziehen und sich dabei damit abfinden, dass nichts auĂer geografischer und zufĂ€lliger NĂ€he sie verbindet. Beide bleiben eine Zeit lang an die BrĂŒstung des gigantischen Fensters angelehnt und betrachten, schau mal, den unverĂ€nderlichen Horizont, der sich nicht verĂ€ndert hatte seit sie beide, noch jung, unten auf der StraĂe ganz andere Arten von Leben fĂŒhrten. Angesichts dieses unverĂ€nderlichen Horizonts werden sie ihren Joint rauchen in der Hoffnung, dass auch er unverĂ€nderlich bliebe. Und dies hilft ihnen sich vorzustellen, viel mehr noch als der Horizont, dass noch immer, genauso wie frĂŒher, ein ganzes Leben vor ihnen liegt.
Paulo verlagerte das Gewicht des Körpers von einem Bein aufs andere. Um den Marihuana von Pece zu bekommen, musste er an der Lebenswelt von Pece teilhaben â dem Fenster, den schweren Möbeln, der alten und teuren Wohnung â und Paulo war nicht der richtige Typ dafĂŒr.
(Vieles von dem, was hier noch gesagt werden wird, wird sich darauf beziehen, was fĂŒr ein Typ Paulo eigentlich ist.)
Nachdem er eine Weile also von einem FuĂ auf den anderen getreten hatte, ohne sich von der Stelle zu rĂŒhren, sprach Paulo endlich aus, was er zu sagen hatte, den Triumphsatz, die Apotheose, den zweiten Grund seines Besuches:
“Eine Frau geht mir neulich auf die Nerven, will unbedingt mit mir ins Bett.”
In der multinationalen Firma, deren Angestellte beide einige Jahre lang zusammen waren, war Pece in jeder Hinsicht immer viel erfolgreicher als Paulo gewesen. Es kam dort immer darauf an, ein guter VerkĂ€ufer zu sein. Marketing halt. Und mit seinem Ring, seinen glatten und zutiefst mainstreammĂ€Ăigen Unterhaltungen hatte Pece, hatten eigentlich alle Kollegen von Paulo, beim GesprĂ€ch mit Kunden, beim Lachen und beim Schulterklopfen immer wesentlich mehr Talent bewiesen als Paulo.
Haha, lachte Pece. Und klopfte Paulo auf die Schultern.
FĂŒgte dann hinzu, etwas ernster:
“Ja, wenn sie allzu zudringlich werden, gehen sie einem wirklich auf die Nerven.”
Der Joint war zu Ende und Paulo fĂŒhlte sich besser, seine Ellenbogen hatten sich in einer Nische der von der Meeresluft ganz zerfressenen Fensterbank eingenistet. Schon immer hatte er sagen wollen, was er gerade gesagt hatte â und nun drehte er den Satz genĂŒsslich auf der Zunge herum. Bei den gemeinsamen Mittagessen, zu denen sich die Gruppe jeden Donnerstag im Restaurant unten traf, erwĂ€hnte immer wieder der eine oder andere Kollege eine AffĂ€re. Es gab kaum eine Woche, in der nicht auf irgendeine neue AffĂ€re angespielt wurde, was mit kurzen SĂ€tzen kommentiert wurde, ohne Nachfragen, und ohne konkrete Details, die dann aber durch GelĂ€chter, Schnalzlaute und das Hochziehen von Augenbrauen ersetzt wurden. Nur Paulo hatte nie eine Geliebte gehabt. Prostituierte, das kam schon vor, damals, als er noch mit eben dieser Gruppe in andere StĂ€dte reiste, BrasĂlia, Recife, und vor allem SĂŁo Paulo. SĂŁo Paulo, wo er gerade hin gezogen war. Und die Tatsache, dass er jetzt in SĂŁo Paulo wohnte, verschloss selbst vor seiner Phantasie â zumal Prostituierte in der Praxis keine reelle PrĂ€senz mehr in seinem Leben darstellten â das reichhaltige Angebot an Clubs und Huren der Rua Augusta, nur einen Block von seinem neuen Zuhause entfernt. Es war Paulo nĂ€mlich wichtig, dass seine kleinen Eskapaden, wie er das gelegentliche Vögeln zu nennen pflegte, nie in der Stadt stattfanden, in der er gerade wohnte. Auf diese Weise fĂŒhlte er sich sicherer. So war es auch einfacher, die Dinge zu trennen, und sie auch vor sich selbst zu verbergen.
Zum ersten Mal wĂŒrde er sich also eine Geliebte nehmen.
.December 15, 2009